Page 3 - Basler Woche Kleinbasel - KW 30 - 2024
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DIENSTAG, 23. JULI 2024                                                                                                                                      SEITE 3






                                                   FORTSETZUNG

          Was braucht es, damit hirnver-                                    allfällige Streitigkeiten mit Ver-
          letzte Menschen ein möglichst                                     sicherungen kümmern und die
          selbstständiges  und  selbstbe-                                   einfordern. Dies führt nicht sel- Mit spitzer Feder …
                                                                            Rechte für die betroffene Person
          stimmtes Leben führen kön-
          nen?                                                              ten zu einer Überlastung, wes-
          Die wenigsten schaffen das aus                                    halb es wichtig ist, dass Angehö-
          eigener Kraft. Es braucht die                                     rige auch auf sich selbst achten
          Unterstützung  des  Umfelds,                                      und ihre eigenen Gefühle und
          insbesondere der Angehörigen.                                     Bedürfnisse nicht vernachlässi-                       Gesellschaft
          FRAGILE Suisse bietet zahlrei-                                    gen. Sich Hilfe zu holen – vom
          che zielgerichtete Angebote.                                      persönlichen Umfeld oder auch                         ohne Empathie
          Darunter auch solche, welche                                      professionell, beispielsweise
          die Betroffenen dazu befähi-                                      durch FRAGILE Suisse – ist da-
          gen, sich auf ihre veränderte                                     bei keinesfalls ein Zeichen von
          Lebenssituation einstellen                                        Schwäche, sondern viel mehr
          zu  können.    Und  was  ebenso                                   eines von Stärke.                   Empathie ist für mich lebensnot-  ja etwas von mir brauchen. Mei-
          wichtig ist, es braucht die Ak-                                                                       wendig – sie ist ein unerlässli-  nen Rat, meine Zeit, meine Res-
          zeptanz der Gesellschaft für                         Bild: FRAGILE Suisse  Was sind wichtige Projekte von   cher Kompass, der mich zuver-  sourcen.  Besser  nicht  hinsehen,
          die Anliegen dieser Menschen.  Geschäftsleiter Martin D. Rosenfeld:   FRAGILE Suisse?                 lässig durch sämtliche Stürme des  dann weiss man nichts und ist für
          Noch immer werden Betroffene  «Wir wünschen uns ein grösseres     Neben den bestehenden Dienst-       Lebens führt. Als hochsensibler  nichts verantwortlich. Jeder kann
          stigmatisiert. Es braucht aber  Engagement  von  Staat  und Gesell-  leistungen ist es uns ein gros-  Mensch besitze ich jede Menge  es  selbst  schaffen.  Dass  aber
          auch Verbesserungen bei den  schaft, damit wir auch die Mittel be-  ses Anliegen unser Angebot        Empathie. Und ich freue mich je-  die Grenze marginal ist, plötzlich
          Leistungen der Sozialversiche-   kommen, um diesen Menschen hel-  laufend zu optimieren und bei       des Mal, wenn ich einen empathi-  selbst zu wenig zu haben, in Not
          rungen. Aber auch die Kantone  fen zu können.»                    Bedarf auszubauen. So durf-         schen Mitmenschen treffe. Aber  zu geraten und auf Unterstützung
          sind gefordert bei der Finanzie-                                  ten wir letztes Jahr das Ange-      leider sind diese Menschen mit  von anderen angewiesen zu sein,
          rung der Unterstützungsange-     Sie werden von diesen Angebo-    bot LOTSE einführen. Dabei          ihren feinen Antennen und ihrem  wird oft vergessen.
          bote. Es ist unerträglich, wenn  ten ausgeschlossen, weshalb es  geht es um eine aktive Kontakt-      ausserordentlichen Gespür für ihr
          Menschen durch einen unver-      wichtig ist, dass es unterschied-  aufnahme mit den Betroffenen      Gegenüber  eher  in  der  Minder-  Empathische Menschen «se-
          schuldeten Schicksalsschlag in  liche Möglichkeiten und nach  und Angehörigen, in einer sehr          heit. Immer wieder erlebe ich im  hen» das Gegenüber. Sie nehmen
          finanzielle Not geraten und sie  wie vor auch physische Ange-     frühen Phase: nämlich bereits       Alltag Situationen, wo ich kons-  wahr,  was  an  Körperspannung
          von der Gesellschaft allein ge-  bote in ihrer Nähe gibt.         während des stationären Auf-        terniert feststellen muss, dass wir  da ist, was Gestik und Mimik ver-
          lassen werden.                                                    enthaltes im Spital oder in der     uns immer mehr in einer Gesell-  mitteln, die Worte aber nicht aus-
                                           Wie verändert sich der Charak-   Reha. Durch eine individuelle       schaft ohne Empathie bewegen.  drücken. Sie sehen den ganzen
          Wie geht die Gesellschaft mit  ter von Betroffenen bei einer  Begleitung, sollen die Lücke            Und das ist (für mich) schlimm.  Menschen und vermitteln ihm Re-
          hirnverletzten Menschen um?      solchen Verletzung?              zwischen dem Klinikaustritt         Und ich frage mich: Zerfällt unsere  spekt und Wertschätzung. Ge-
          Obwohl es in der Schweiz rund  Meist  ist  es  nicht  der  Charak-  und dem neuen Alltag zuhause      Gesellschaft in einzelne Grüpp-  rade in schwierigen Situationen
          130'000 Betroffene und etwa  ter, der sich ändert. Vielmehr  geschlossen und Rückschläge              chen, die sich in grosser Empö-  ist dies ein unschätzbarer Vorteil,
          300'000 nahe Angehörige gibt,  sind es die Folgen, die beispiels-  möglichst vermieden werden.        rung gegenüberstehen, statt in  weil diese Einstellung zu einem
          ist das Thema in der Öffentlich-  weise dazu führen, dass sich Be-  Gemeinsam  werden  indivi-        Empathie einander zu helfen? Em-  konstruktiven Miteinander führt.
          keit noch zu wenig bekannt. Da  troffene nicht mehr oder nicht  duelle Lösungen gesucht und           pathie scheint in einer modernen  Nur wer hinsieht, kann wahrneh-
          keine Hirnverletzung gleich ist  mehr gleich ausdrücken kön-      von den LOTSE-Fachpersonen          Gesellschaft nichts verloren zu ha-  men und verstehen. Sich in den
          wie die andere und viele Fol-    nen. Es gibt Personen, die bei-  Richtungen aufgezeigt, für den      ben. Oft unbewusst wird mit Em-  anderen  hineinzuversetzen be-
          gen von aussen nicht erkennbar  spielsweise keine Freude oder  Aufbau neuer Tagesstrukturen           pathie oder Mitgefühl die Vorstel-  deutet, die eigene Burg zu verlas-
          sind, ist das Thema sehr schwer  Trauer mehr verspüren können,  und die Unterstützung auf dem         lung verbunden, die andere Seite  sen und ein Verständnis zu ent-
          zu greifen und zu verstehen.  oder nicht mehr über dieselbe  Weg in ein neues Leben. Die              erwartet etwas. Wenn man also  wickeln für das Gegenüber. Wer
          Leider müssen sich Betroffene  Empathie verfügen. Sie sagen  Begleitung wird so lange fortge-         Mitgefühl zeigt, macht man sich  sich in einen anderen Menschen
          immer wieder erklären, stos-     Dinge, die verletzend sein kön-  führt, wie sie benötigt und ge-     angreifbar, ist vulnerabel und zeigt  hineinversetzen, seine Motiva-
          sen auf Unverständnis und wer-   nen, machen dies aber nicht  wünscht wird – damit langfris-          eine offene Seite, die dann ausge-  tion  und  sein  Verständnis  nach-
          den teilweise von der Gesell-    bewusst und aus böser Absicht.  tig optimale Fortschritte erzielt    nutzt werden kann. Mitgefühl zei-  vollziehen kann, ist auf dem bes-
          schaft ausgeschlossen. Damit  Manche von ihnen merken  und ein Maximum an Selbst-                     gen bedeutet Schwäche. So wer-  ten Weg, Lösungen zu finden und
          sich das ändert, betreibt FRA-   dann, dass sie etwas «Falsches»  ständigkeit zurückerlangt wer-      den beispielsweise Menschen in  Gemeinsamkeiten zu stärken. Es
          GILE Suisse aktive Öffentlich-   gesagt haben und entschuldigen  den kann. Dieses Angebot wird        Not nicht mehr als Individuum be-  ist aber auch eine Chance, andere
          keitsarbeit. Ziel ist es, die Be-  sich, wissen aber eigentlich gar  nun sukzessive auf weitere       trachtet, sondern als Masse. Wer  Welten zu entdecken, inspiriert zu
          völkerung für Hirnverletzungen  nicht wofür. Abhängig von der  Teile der Schweiz ausgeweitet,         zuhört, die Argumente der Gegen-  werden. Nicht selten entsteht da-
          und ihre möglichen Folgen zu  Schwere und Art der Folgen,  damit  möglichst  viele  Betrof-           seite respektiert, wertschätzt und  raus etwas Schönes und Sinnvol-
          sensibilisieren, das Verständnis  kann dies natürlich auch Verän-  fene einer Hirnverletzung von      achtet, hat verloren. Es geht nicht  les – vielleicht sogar eine Freund-
          für die Betroffenen und dadurch  derungen des Charakters nach  dieser frühzeitigen und lang-          darum, den besten gemeinsamen  schaft fürs Leben. Das sind oft
          auch ihre Inklusion in der Ge-   sich ziehen. Wenn das «alte» Le-  fristigen Unterstützung profi-     Weg zu finden, mal das Argument  «versteckte» Geschenke der gött-
          sellschaft zu fördern.           ben plötzlich nicht mehr exis-   tieren können.                      der Gegenseite aufzunehmen und  lichen Mächte, die zu unserem
                                           tiert und man zu einem Neuan-                                        einzugestehen: Nein – es geht ein-  Wohl sind – die wir aber oft auf
          Die Digitalisierung scheint für  fang gezwungen wird, verändert  Was wünschen Sie sich für FRA-       zig darum, die eigene Position als  den ersten Blick nicht erkennen.
          hirnverletzte Menschen  Fluch  sich oftmals auch die Persön-      GILE Suisse respektive für hirn-    alternativlos durchzusetzen. Team-
          und Segen zu sein. Wo gibt es  lichkeit. Man muss die neue Si-    verletzte Menschen für die Zu-      orientiert arbeiten wird zwar oft ge-  Ohne Empathie, das Mitfreuen,
          konkret Vorteile?                tuation annehmen, und akzep-     kunft?                              wünscht und in Stellenausschrei-  Mitleiden, Mitgehen, Zueinan-
          Aufgrund von unterschiedli-      tieren, dass gewisse Dinge nicht  FRAGILE Suisse kümmert sich        bungen genannt, aber im Alltag  derstehen wird eine Gesellschaft
          chen Folgen wie beispielsweise  mehr gehen. Unter Umständen  um die Menschen, die nach                gewinnt, wer sich am besten und  oder auch eine Gemeinschaft
          schnellem Ermüden, Reizüber-     muss man sich komplett neu er-   einer Hirnverletzung auf Unter-     schnellsten durchsetzt.        von Menschen ärmer und ver-
          flutung und körperlichen Be-     finden.                          stützung angewiesen sind und                                       liert. Denn wer im anderen im-
          hinderungen, sind Menschen                                        übernimmt damit eine wichtige       Wir leben in einer langen Zeit des  mer nur den Gegner sieht, nicht
          mit einer Hirnverletzung oft auf  Was bedeutet eine Hirnverlet-   soziale Aufgabe. Wir wünschen       Friedens.  Unsere  Eltern  konnten  den Mitmenschen, wird misstrau-
          kurze Anfahrtswege, eine reiz-   zung für Angehörige der Betrof-  uns  ein  grösseres  Engagement     einen  Wohlstand  aufbauen,  von  isch, voller Angst und Sorgen.
          arme Umgebung und häufige  fenen?                                 von Staat und Gesellschaft, da-     dem die jüngeren Generationen  Letztlich verliert man dadurch
          Ruhezeiten angewiesen. Die Di-   Nicht nur für die Betroffenen  mit wir auch die Mittel bekom-        profitieren. Dieser Wohlstand führt  sein Menschsein, weil nur noch
          gitalisierung ermöglicht unter  selbst, sondern auch für ihre  men, um diesen Menschen hel-           auch dazu, dass der Wunsch ihn  Angst, Sorgen und Abwehr einen
          anderem das Arbeiten von Zu-     Angehörigen verändert sich  fen zu können. Wir werden                zu vermehren immer  grösser ist,  bestimmen und die Seele um-
          hause  oder  die  Teilnahme  an  das Leben durch eine Hirnver-    längerfristig nicht mehr in der     und der Blick auf den Nächsten,  klammern. Deshalb wünsche ich
          ausgewählten Kursen (auch von  letzung meist auf einen Schlag.  Lage sein, alle unsere Aufga-         der vielleicht meine Hilfe braucht,  uns allen mehr Miteinander, mehr
          FRAGILE Suisse) sowie Selbst-    Oft sind es die Angehörigen, die  ben mit Spendengeldern zu fi-      zweitrangig ist. Wenn es einem gut  Wertschätzung und Respekt. Wir
          hilfeangeboten. Die Betroffe-    den Ausfall/Verlust «kompensie-  nanzieren. Für die Betroffenen      geht, ist man weniger auf Hilfe und  bauen nur gemeinsam eine bes-
          nen verlieren dadurch keine  ren» und sich während der Ab-        wünschen wir uns mehr Ver-          Unterstützung angewiesen. Man  sere Welt – das geht nur gemein-
          Zeit für die Anfahrt und können  wesenheit (Spital- und Reha-     ständnis und gesellschaftliche      schafft es selbst. Die eigenen Res-  sam, im Geben und Nehmen, mit
          sich ihre Energie gezielter ein-  Aufenthalt) und auch danach,  Wärme.                                sourcen reichen aus. Auch diese  offenen Ohren, Augen und einem
          teilen. Überdies können sie sich  um alles sorgen. Plötzlich müs-                                     Einstellung führt dazu, dass Em-  zugewandten Herzen!
          eine möglichst reizarme und so-  sen sie neben dem Beruf auch          Interview: Corinne Remund      pathie – die Eigenschaft, den an-
          mit optimale (Lern-)Umgebung  die Haushaltsführung und die                                            deren wahrzunehmen als Mensch  Herzlichst,
          schaffen. Es gibt aber auch Be-  Kinderbetreuung alleine stem-            www.fragile.ch              in seiner Gesamtheit – immer we-  Ihre Corinne Remund
          troffene, für die das Arbeiten  men, sich parallel um alle ad-                                        niger gefragt ist. Er oder sie könnte  Verlagsredaktorin
          am Computer nicht möglich ist.  ministrativen Aufgaben sowie
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